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Riforma Gelmini: Die italienische Bildungsreform

Italien hat als eines der ersten Länder in der EU auf das BA/MA-System umgestellt, bis auf die Fächer Medizin, Pharmazie und Jura folgen die Studiengänge der neuen Studienordnung (3+2 oder BA/MA). Damit ist das traditionsreiche Land Vorreiter in der Umsetzung der Bologna-Reform doch nichtsdestotrotz Europas Schlusslicht in Sachen Bildung und Forschung.

Die Ausgaben für Bildung und Forschung betrugen (2006) 1.16 % des Bruttoinlandsprodukts. Das strategische Ziel der Konferenz von Lissabon im Jahre 2000,  3 % des Bruttosozialprodukts in die Forschung zu investieren, wird Italien somit nicht erreichen. Es kann somit nicht verwundern, dass die Wettbewerbsfähigkeit Italiens im Vergleich zum Vorjahr von Platz 38 auf Platz 42 zurückfiel, wie aus Angaben des World Economic Forum im Jahre 2006 hervorgeht.

Mit Inkrafttreten der sogenannten „Riforma Gelmini“ unter Bildungsministerin Mariastella Gelmini  wird sich diese Situation noch deutlich verschlimmern: Kürzungen um 8 Milliarden Euro jährlich, dadurch sinkende Dozentenzahlen und steigende Studiengebühren, zwingen italienischen Hochschulen zukünftig vermehrt private Geldgeber zu suchen. Doch auch diese haben nicht zuletzt durch die Finanzkrise andere Sorgen als in die Zukunft ihres Landes zu investieren. Somit rücken Ziele wie gleichberechtigte Bildungschancen für alle und die internationale Wettbewerbfähigkeit Italiens in weite Ferne.

Begleitet von heftiger Kritik wurde das Reformgesetz 133/08 trotzdem am 29. Oktober 2008 vom Senat verabschiedet. Seitdem ziehen sogar konservative Hochschulvertreter ins Feld um gegen diese massiven Kürzungen zu protestieren und der Nationale Beirat für Schulwesen, CNPI (consiglio nazionale pubblica istruzione), warnte die Ministerin vor den Auswirkungen der Reform insbesondere im Grundschulbereich.

Doch was genau sieht das Gelmini-Dekret vor? Welche Maßnahmen sollen Italien angeblich aus der finanziellen und bildungspolitischen Patsche helfen?

Grundschulen: Die Wiedereinführung eines einzigen Klassenlehrers (24 Stunden pro Woche), die Zusammenführung der humanistischen und wissenschaftlichen Fächer sowie die Abschaffung des Nachmittagsunterrichts haben einen drastischen Stellenabbau des Lehrpersonals zur Folge. Man rechnet mit dem Wegfall von ca. 80.000 Arbeitsplätzen. Hinzu kommt eine Reduzierung der Assistenz- und Vertretungslehrer, die nur einen befristeten Arbeitsvertrag haben.

Oberschulen: Neben der Note für das Benehmen der Schüler wird auch die Gemeinschaftskunde wieder in den Stundenplan mit aufgenommen. Studenten und Professoren kritisieren, dass solche inhaltlichen Neuerungen von dem eigentlichen Problem, der dramatischen finanziellen Kürzung ablenken sollen.  Diese drastischen Kürzungen der Gelder hätten nämlich zur Folge, dass die staatlichen Schulen immer mehr zu privaten Bildungsinstitutionen würden.

Universitäten: Das umfassende Gesetzespaket, das Ende des Sommers in aller Eile verabschiedet wurde, war in vielerlei Hinsicht eine wahre Überraschung. Die wichtigsten Neuerungen sind im universitären Bereich:

-   die radikale Kürzung (über eine Milliarde Euro) der Gelder für     staatliche Hochschulen in den kommenden drei Jahren

eine Reduzierung der Neuanstellungen von Dozenten um 20 Prozent. Damit wird nur jede fünfte durch Pensionierung freigewordene Stelle neu besetzt! Und dass obwohl derzeit 57,5 % der Dozenten über 50 Jahre alt sind. Der EU-Durchschnitt liegt bei 34,6% (s. Quelle)

-  Das Gesetz sieht für die staatlichen Hochschulen die Möglichkeit vor, durch eine Änderung des Rechtsstatus zu privaten Einrichtungen zu werden. Die Gesetzesgegner befürchten eine Art Privatisierung der öffentlichen Universitäten, die den lVorgaben des Markts folgen müssen.

Die zahlreichen Proteste zielen vor allem auf eine positive Visibilität in der Gesellschaft. So bildete sich eine neue Form der friedlichen Besetzung. Als Protestmaßnahme gegen den Stellenabbau haben zehntausende Grundschullehrer die Aulen in den Schulen von früh bis spät am Abend besetzt und dabei den Schülern und Eltern die Konsequenzen der Bildungsreform geschildert. Die Oberschulen und Universitäten in Rom, Mailand und Turin konnten das Interesse der Presse gewinnen, indem die Studenten Nächte in den Schulgebäuden verbrachten und den Unterricht unter freiem Himmel abhielten - all dies unter Aufsicht der Professoren, Eltern und des Schulpersonals. Leider blieben dabei auch Zwischenfälle nicht aus: In Rom und Mailand gab es im Oktober zwischen Studenten und Polizisten heftige Zusammenstöße.

DIH Bonn / DAAD Rom (Februar 2009)

 

weitere Informationen (Deutsch):

http://www.welt.de/welt_print/article2658057/Italiens-Jugend-radikalisiert-sich.html

http://www.tagesschau.de/ausland/italienproteste100.html

 

weitere Informationen (Italienisch):

http://www.youtube.com/watch?v=4RqXrBLPGhk&translated=1

http://www.corriere.it/politica/08_novembre_15/gelmini_dialogo_366b51bc-b313-11dd-8d03-00144f02aabc.shtml

http://www.ilgiornale.it/a.pic1?ID=319477&START=0&2col

http://www.repubblica.it/2009/01/sezioni/scuola_e_universita/servizi/universita-2009-1/atenei-peggiorano/atenei-peggiorano.html

http://www.ilgiornale.it/a.pic1?ID=319477&START=0&2col

 

Quellen:
http://statistica.miur.it/data/notiziario_10_2008.pdf

 

 

 

 

 

 

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